Was haben wir von unseren Müttern übernommen – und was davon gehört wirklich zu uns?

Manchmal hören wir uns selbst einen Satz sagen und denken plötzlich: Das hat meine Mutter auch immer gesagt.

Oder wir stellen fest, dass wir Dinge genauso machen wie sie. Wir sorgen dafür, dass es allen gut geht. Wir halten durch. Wir kümmern uns. Wir haben den Haushalt, die Familie, die Arbeit und möglichst auch noch die Termine aller anderen im Blick.

Und manchmal merken wir erst viel später, wie sehr uns unsere Mutter geprägt hat.

In den vergangenen Monaten habe ich mich mit dieser Frage besonders intensiv beschäftigt. Denn ich habe ein Buch über meine Mutter geschrieben. „Was meine Mutter mir gegeben hat“ heißt es. Vor ein paar Tagen habe ich das Manuskript fertiggestellt, heute ist es auf dem Weg zum Verlag.

Beim Schreiben habe ich immer wieder festgestellt, wie viele Spuren eine Mutter im Leben ihrer Tochter hinterlassen kann. Manche sind ganz offensichtlich. Andere sind so selbstverständlich geworden, dass wir sie kaum noch wahrnehmen.

Und genau deshalb finde ich die Frage spannend:

Was haben wir eigentlich von unseren Müttern übernommen?

Wir übernehmen mehr, als wir denken

Unsere Mütter geben uns nicht nur Augenfarbe, Größe oder vielleicht ein bestimmtes Talent mit.

Wir übernehmen auch Vorstellungen darüber, wie das Leben funktioniert. Zum Beispiel:

Wie wichtig ist Arbeit?

Was bedeutet es, eine gute Mutter, Partnerin oder Tochter zu sein?

Darf man sich selbst wichtig nehmen?

Wie geht man mit Geld um?

Was bedeutet Sicherheit?

Wie spricht man mit sich selbst, wenn etwas nicht gelingt?

Und darf man eigentlich einfach einmal nichts tun?

Vieles davon lernen wir nicht durch große Gespräche. Wir lernen es, indem wir beobachten.

Wir sehen, wie unsere Mutter mit Stress umgeht. Wie sie über sich selbst spricht. Ob sie sich Ruhe gönnt oder erst dann aufatmet, wenn alles erledigt ist. Ob sie Hilfe annimmt. Ob sie Nein sagt. Ob sie ihre eigenen Wünsche wichtig nimmt.

Und irgendwann machen wir es vielleicht genauso – nNicht, weil unsere Mutter uns das ausdrücklich beigebracht hat, sondern weil es für uns lange Zeit einfach normal war.

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“

Vielleicht kennst du solche Sätze aus deiner eigenen Kindheit.

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

„Was sollen denn die Leute denken?“

„Reiß dich zusammen.“

„Das macht man eben so.“

Oder vielleicht war es gar kein Satz, sondern eine Haltung, die du immer wieder erlebt hast.

Eine Mutter, die sich selbst hintenangestellt hat, die für alle da war, die kaum über ihre eigenen Bedürfnisse gesprochen hat. Oder eine Mutter, die sehr hohe Ansprüche an sich und andere hatte.

Solche Erfahrungen können uns prägen. Gerade wir Frauen tragen manchmal jahrelang Muster mit uns herum, die irgendwann gar nicht mehr zu unserem heutigen Leben passen. Wir sind längst erwachsen. Unsere Kinder sind vielleicht schon groß. Unsere Lebenssituation hat sich verändert.

Und trotzdem läuft in unserem Inneren noch ein altes Programm:

Ich muss funktionieren.

Ich darf niemanden enttäuschen.

Ich muss das alleine schaffen.

Erst wenn alles erledigt ist, darf ich an mich denken.

Aber unsere Herkunft ist kein Drehbuch

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Mütter für alles verantwortlich machen müssen. Im Gegenteil.

Beim Schreiben meines Buches ist mir immer deutlicher geworden, wie wichtig es ist, beides nebeneinander stehen zu lassen: Dankbarkeit und Eigenständigkeit.

Wir dürfen sehen, was unsere Mütter uns gegeben haben. Ihre Stärke. Ihre Zuversicht. Ihre Lebensfreude. Ihre Liebe. Vielleicht ihre Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen weiterzumachen. Vielleicht ihren Humor oder ihre Neugier.

Und wir dürfen gleichzeitig feststellen:

Das möchte ich anders machen.

Beides widerspricht sich nicht. Unsere Herkunft ist kein Drehbuch. Wir sind nicht dazu bestimmt, das Leben unserer Mutter zu wiederholen. Wir können etwas übernehmen, etwas verändern und etwas ganz Neues daraus entstehen lassen.

Was möchtest du behalten?

Vielleicht lohnt es sich, einmal ganz bewusst auf die eigene Geschichte zu schauen.

Nicht mit der Frage:

Was hat meine Mutter falsch gemacht?

Sondern mit einer anderen:

Was hat sie mir gegeben?

Vielleicht fällt dir zuerst eine ganz konkrete Erinnerung ein. Ein bestimmter Satz. Ein Essen, das sie immer gemacht hat. Eine Art, Menschen zu begegnen. Eine Fähigkeit. Eine Haltung zum Leben. Oder einfach das Gefühl, dass jemand da ist.

Und dann kannst du noch einen Schritt weitergehen:

Was davon möchte ich heute noch in meinem Leben haben?

Vielleicht gibt es aber auch Dinge, bei denen du spürst:

Das möchte ich nicht mehr genauso machen.

Auch das darf sein. Du kannst dankbar für deine Mutter sein und trotzdem deinen eigenen Weg gehen. Du kannst etwas von ihr bewahren, ohne ihre Geschichte zu wiederholen. Und du kannst etwas, das über Generationen weitergegeben wurde, bei dir verändern.

Was geben wir selbst weiter?

Diese Frage finde ich besonders spannend; denn irgendwann sind wir nicht mehr nur die Töchter unserer Mütter. Wir werden selbst zu den Frauen, an denen sich andere orientieren.

Unsere Kinder beobachten uns. Vielleicht auch Enkelkinder, Freundinnen oder Menschen, mit denen wir arbeiten. Und auch wenn wir es gar nicht beabsichtigen, geben wir etwas weiter.

Wie wir mit uns selbst umgehen, über unseren Körper sprechen, Grenzen setzen, mit Fehlern umgehen. Ob wir uns erlauben, Freude zu haben, Hilfe annehmen, uns selbst genauso wichtig nehmen wie die Menschen, die wir lieben.

Vielleicht ist das eines der schönsten Geschenke, die wir aus unserer eigenen Geschichte machen können:

Wir nehmen das Gute mit. Wir schauen ehrlich auf das, was uns nicht guttut. Und dann entscheiden wir selbst, was von uns weiterleben soll.

Vielleicht möchtest du heute einmal darüber nachdenken …

Nimm dir ein paar ruhige Minuten und frage dich:

Was habe ich von meiner Mutter übernommen, für das ich dankbar bin?

Was davon trägt mich bis heute?

Und gibt es etwas, das ich heute bewusst anders machen möchte?

Du musst darauf nicht sofort eine Antwort finden. Manchmal reicht es, eine solche Frage erst einmal mit in den Tag zu nehmen. Denn vielleicht entdecken wir manche Geschenke unserer Mütter tatsächlich erst viele Jahre später.

Und mein eigenes Buch?

Genau diese Gedanken haben mich beim Schreiben meines neuen Buches begleitet.

„Was meine Mutter mir gegeben hat“ erzählt von meiner Mutter und von unserer Beziehung – aber eigentlich geht es um eine Frage, die viele von uns betrifft:

Was bleibt von einem Menschen in uns, wenn er nicht mehr da ist?

Und was machen wir selbst daraus?

Mein Manuskript ist inzwischen fertig und auf dem Weg zum Verlag. Jetzt beginnt für das Buch ein neuer Abschnitt. ❤️

Hier kannst du schon einmal einen Blick auf das Bwerden.

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